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Panorama
Offizielle Verabschiedung des deutschen Steinkohlenbergbaus auf dem Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop, 21. Dezember 2018 - Foto: Ina Fassbender, RAG Aktiengesellschaft
27.08.2019

Überlegungen und Perspektiven zum Kokereiwesen

ARTIKEL DES MONATS

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Stahl + Technik

Deutschland ist mit der Schließung der letzten beiden aktiven Steinkohlenbergwerke Ende des Jahres 2018 in der Ära des sogenannten Nachbergbaus angelangt. Vor diesem Hintergrund widmet sich der vorliegende Beitrag dem Thema „Industrielles Erbe und Geschichtskultur“. Zunächst werden einige grundlegende Aussagen getroffen, warum sich gerade das Ruhrgebiet im Verlauf der letzten Jahrzehnte zu einer Region entwickelt hat, in der Industrie- und Geschichtskultur eine so große Rolle spielen, wie vielleicht nirgendwo anders auf der Welt. Auf dieser Basis nimmt der Beitrag genauer in den Blick, was dies speziell für das Thema Kokereiwesen heute bedeutet [1].

Der aktive deutsche Steinkohlenbergbau ist mit der Stilllegung der letzten beiden Bergwerke Anthrazit Ibbenbüren und Prosper-Haniel in Bottrop Ende 2018 endgültig beendet worden, Bild 1.

Zum Zusammenhang von Geschichtsbewusstsein und Strukturwandel
Hatte die Steinkohle als fossiler Energieträger nach dem Zweiten Weltkrieg noch als unverzichtbare Grundlage des Wiederaufbaus und des westdeutschen sogenannten Wirtschaftswunders gegolten, wandelten sich die Verhältnisse bereits Ende der 1950er-Jahre grundlegend. Durch die Substitutionskonkurrenz ausländischer Steinkohle und vor allem des Erdöls als letztlich kostengünstigeren Produkten geriet der Bergbau in eine dauerhafte Krise, die nicht nur die Branche selbst zu einem sechs Jahrzehnte andauernden Anpassungsprozess mit Zechenschließungen und beständiger Reduktion der Beschäftigten zwang [2]. Das Ruhrgebiet als seit dem 19. Jahrhundert vorrangig durch die Montanindustrie geprägte Region musste sich zugleich einem dauerhaften Strukturwandel stellen, indem der Identität stiftende Rückbezug auf Alltags- und Lebensformen im Schatten von Förderturm, Kokerei und Hochofen immer stärker durch aktive Formen der Erinnerungskultur bzw. der Auseinandersetzung mit dem inzwischen historisch Gewordenen des ehemaligen Montanzeitalters erfolgte.

Der komplette Beitrag ist erschienen in der Ausgabe STAHL + TECHNIK 1 (2019) Nr. 8, S. 94 ff.

Dieser strukturelle Wandel liegt nicht nur weitgehend parallel zu dem von dem Philosophen Hermann Lübbe postulierten Prozess der sogenannten Gegenwartsschrumpfung [3], sondern er umfasst auch einigermaßen genau jene zeithistorische Epoche, in der allgemein „die Suche nach Authentizität und die Selbstvergewisserung über die Authentisierung von Traditionsbeständen offensichtlich ein herausragendes Phänomen der Gegenwart“ darstellt. Es erscheint plausibel, dass dies gerade für das vom Strukturwandel betroffene Ruhrgebiet „grob mit dem Ende des Fortschrittsoptimismus, einer verstärkten Vergangenheitsorientierung und ‚Musealisierung‘ unserer Lebenswelt seit den 1970er-Jahren, aber auch mit Prozessen der Subjektivierung, Pluralisierung und Medialisierung erklärt werden“ kann [4].

In jedem Fall hat der ökonomische wie gesellschaftliche Strukturwandel in den ehemaligen Montanregionen zu einer verstärkten Zuwendung und Beschäftigung der Geschichtswissenschaften mit Fragen der durch Erinnerung eingesetzten Sinn- und Identitätsstiftung geführt. Dabei sind sowohl für das kulturelle als auch das kommunikative Gedächtnis nach Jan und ­Aleida Assmann Erinnerungsnarrative von zentraler Bedeutung, denn „Erinnerung ist immer schon narrativ vorstrukturiert“ und „Erfahrung wie Erinnerung sind zudem nur über Narrative zu greifen“ [5]. Darüber hinaus handelte es sich bei den Zechen und Kokereien des Ruhrreviers zwar zu jeder Zeit ihres Bestehens um konkrete physische Orte mit spezifischen, sich im Zeitverlauf wandelnden topografischen, ­architektonischen, technischen sowie betrieblich-sozialen Strukturen. Als Erinnerungsorte im Sinne des bekannten französischen Historikers Pierre Nora waren sie jedoch stets eingebunden in imaginäre bzw. immaterielle Formen der individuellen wie kollektiven narrativen Erfahrung und Erinnerung beispielsweise in Form von Literatur, Musik oder anderen Formen der bildenden Kunst [6].

Erinnerungsgeschichte im hier skizzierten Sinne unterstellt die Existenz und strebt nach der Untersuchung einer permanenten Umstrittenheit von Erinnerungsdiskursen. Zugleich wird davon ausgegangen, dass es innerhalb einer Gesellschaft soziale Großgruppen gibt, die sogenannte Erinnerungsarchipele bilden, die wiederum auf verschiedene Arten miteinander verknüpft sind. Man mag in diesem Zusammenhang für das Ruhrgebiet besonders an die inzwischen breit gefächerten Akteurinnen und Akteure, Organisationen sowie Strukturen der Industriekultur denken, die sich seit gut einem halben Jahrhundert weitgehend parallel zur Strukturkrise des Ruhrbergbaus entwickelt haben und vor allem mit der physischen Bewahrung ehemaliger Industrieanlagen und einer entsprechenden kulturell-touristischen In-Wert-Setzung in gewisser Weise „offizielle Formen des Gedenkens“ an den Bergbau und seine Zechen darstellen bzw. gar zelebrieren. Auch die Zeche Zollern als Standort des heutigen LWL-Industriemuseums ist ein solcher Ort, Bild 2.

Diese Ambivalenz hinsichtlich der Akteure lässt sich zweifelsohne im Besonderen für das Ruhrgebiet und seine Beschäftigung mit der Montangeschichte im Verlauf des Strukturwandels beobachten. Die Suche nach regionaler Identität und einem Wirgefühl im Ruhrgebiet spielte hier gerade in der Krise der Montanindustrie eine wichtige Rolle und wurde auch von neu entstehenden Mittelschichten innerhalb der Region getragen. Je mehr das Ruhrgebiet nicht länger als rein wirtschaftliche Region verstanden werden konnte, desto stärker wurden die mental-kulturellen Prozesse, die die Zugehörigkeit zum Ruhrgebiet und das Wirgefühl in der Region ausmachten. Diese mental-kulturellen Prozesse basierten fundamental auf einer industriekulturellen Geschichtskultur und sind ohne sie nicht zu denken.

Ein gutes Beispiel einer geschichtskulturellen Initiative „von unten“, die demokratische Geschichtskultur, universitäre Forschung und die Bewahrung von industriekulturellen Objekten exemplarisch miteinander verband, war die Rettung der ehemaligen Hütten- und Zechensiedlung Eisenheim in den 1970er-Jahren. Eine der ältesten erhaltenen Arbeitersiedlungen in Deutschland, die schon 1846 gegründet worden war, sollte zu Beginn der 1970er-Jahre abgerissen werden. Dagegen regte sich der Widerstand einiger Anwohner, die von einer Projektgruppe unter der Leitung von Roland Günter unterstützt wurde. Dieser hatte in seiner Funktion als Inventarisator beim Landeskonservator Rheinland ein Kurzinventar zu Oberhausen geschrieben und betrieb mit großem Engagement den Erhalt der Siedlung Eisenheim. 1972 wurde ein langer und zäher Kampf für die historisch sensible Modernisierung und den Erhalt von Eisenheim mit der Stellung der Arbeitersiedlung unter den Denkmalschutz gewonnen [7]. Heute ist Eisenheim ein Vor­zeigeprojekt der Industriekultur in Nordrhein-Westfalen und Bestandteil der Route der Industriekultur.

Schließlich ist nicht zu verkennen, dass vor allem innerhalb des aktiven deutschen Steinkohlenbergbaus erst in den letzten Jahren noch mal ein besonderes Bewusstsein dafür geweckt worden ist, das politisch beschlossene Ende des produktiven Steinkohlenbergbaus durch die Hinwendung zu historischer Auseinandersetzung aktiv fördern bzw. auch selbst gestalten zu wollen. Dieses Bewusstsein konnte innerhalb des Steinkohlenbergbaus selbst erst dann Platz greifen, als im Dezember 2010 im Kompromiss mit der Europäischen Union (EU) ein endgültiges sozial verträgliches Auslaufen des deutschen Steinkohlenbergbaus bis Ende 2018 sichergestellt worden war [8]. Vorher galt der Erhalt eines Sockel- oder Referenzbergbaus auch über 2018 hinaus branchenseitig als maßgebliches Ziel. Eine Historisierung der eigenen Branche insbesondere in der Phase der Zeitgeschichte erschien im politischen Ringen um die Sicherung eines aktiven Steinkohlenbergbaus bis dahin kaum besonders attraktiv, wenn nicht gar kontraproduktiv zu sein.

Ab etwa 2012 hat vor allem die RAG-Stiftung auf Antrag und nach qualitativer Prüfung erhebliche finanzielle Mittel für Projekte im Umgang mit der Bergbaugeschichte bereitgestellt, wobei Aspekte der öffentlichen Wahrnehmung und Wirksamkeit häufig von hoher Relevanz gewesen sind. Einen gewissen Höhepunkt erreichten all diese Förderungen und Initiativen schließlich im Jahr 2018 selbst, und zwar eingebunden in das von der RAG-Stiftung, der RAG Aktiengesellschaft und der Evonik Industries AG gemeinsam mit dem Sozialpartner Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) durchgeführte Programm „Glückauf Zukunft!“ [9].

Institutionalisierung der Industriekultur und Musealisierung des Kokereiwesens
Es sollte deutlich geworden sein, warum Geschichte allgemein und im Ruhrgebiet damit zwangsläufig vor allem die Montangeschichte, zu der natürlich auch die Historie des Kokereiwesens zählt, bis heute eine solch große Rolle spielen. Wer sind nun aber die institutionellen Säulen, auf denen die industrie- und geschichtskulturelle Arbeit im Wesentlichen ruht?

Gerade im Ruhrgebiet ist aufgrund des strukturellen Wandels ein in hohem Maße gleichsam institutioneller Kosmos im Umgang mit dem kulturellen Erbe der Montanindustrie entstanden, der heute gemeinhin unter dem Begriff der Industriekultur gefasst wird. Deren politische Protegierung führte seit den 1970er-Jahren zu einem Boom an neuen industriekulturellen Museen und Denkmalen. Bis dahin war es ja vor allem und zugleich fast ausschließlich das schon 1930 gegründete Bochumer Bergbau-Museum gewesen, dass die Musealisierung der Montanindustrie als zentrale Aufgabe hatte. Dass dabei von den drei zuerst eröffneten Ausstellungshallen gleich eine allein dem Kokereiwesen gewidmet war, hatte historische Gründe [10].

In den Jahren ab 1926 hatte der Ruhrbergbau eine besondere Phase der Rationalisierung durchlaufen, die sich zugleich als Übergang zu einer integrierten Verbundwirtschaft beschreiben lässt [11]. Ein wesentliches Moment war dabei eine weitere Unternehmenskonzentration im Montanbereich. Um der deutschen Eisen- und Stahlindustrie in der Stabilisierungsphase von Weimar im Angesicht der internationalen Konkurrenz ein Überleben zu sichern, rückten die Kartellbildung der Branche und Unternehmensfusionen wieder stärker in das Blickfeld. Wichtigste Konsequenz dieses gewandelten Verständnisses war sicher die Gründung der Vereinigte Stahlwerke AG (VSt) im Frühjahr 1926. Sie beruhte „auf der Überzeugung vieler Eisen- und Stahlindustrieller bzw. -manager, daß die Wirtschaftskrise – hier galten der Zusammenbruch des Stinnes- und des Stumm-Konzerns als Menetekel – nur gemeinsam bewältigt werden könne. Die Sorge um den Fortbestand der eigenen Unternehmen drängte zu einer Fusion“ [12].

Eine wichtige Voraussetzung für das umfassende Rationalisierungsprogramm der VSt bestand darin, dass der weitere Ausbau der Wärmewirtschaft im Eisen- und Stahlbereich nunmehr sehr eng mit dem Steinkohlenbergbau und dessen Kokereikapazitäten verbunden wurde. Voraussetzung dafür war, dass die Altgesellschaften der VSt in der Regel auch ihren Bergwerksbesitz mit eingebracht hatten. Insofern schloss das Rationalisierungsprogramm eine tief greifende Modernisierung und Kapazitätssteigerung der Bergwerksbetriebe ein, richtete sich in Bezug auf die Wärme- und Kraftwirtschaft vor allem aber auf eine entsprechende Modernisierung der Kokereikapazitäten.

Parallel zu diesem Rationalisierungsprozess der Branche konnten sich seinerzeit zahlreiche Unternehmensvertreter für die Gründung des Bochumer Bergbau-Museums begeistern, weil sie an deren Selbstverständnis als „Modernisierer“ anschlussfähig war. In besonderer Weise ist hier sicher der seinerzeitige Vorstandsvorsitzende der Rheinischen Stahlwerke in Essen, Bergassessor Otto Krawehl, zu nennen, Bild 3. Er hatte bereits 1906 die Leitung der Arenberg’schen AG für Bergbau und Hüttenbetrieb in Essen übernommen und galt in den 1920er-Jahren als entschiedener Verfechter der Rationalisierung des Ruhrbergbaus. In Bezug auf das Bochumer Bergbau-Museum war allerdings entscheidend, dass er in diesen Jahren zugleich auch Vorsitzender der Westfälischen Berggewerkschaftskasse war, unter deren Trägerschaft neben der Stadt Bochum das heutige Deutsche Bergbau-Museum Bochum dann tatsächlich errichtet wurde [13].

Bezogen auf die Industriekultur und dieses Museum ist nun wichtig, dass dort schon als Ergebnis der massiven Bergbaukrise der 1960er-Jahre das Bergbau-Archiv Bochum als erstes Branchenarchiv der Bundesrepublik überhaupt gegründet worden ist. Seit 2001 ist es Teil des dortigen Montanhistorischen Dokumentationszentrums (montan.dok) [14]. Mit der Aufnahme in die heutige Leibniz-Gemeinschaft als Teil der außeruniversitären Forschung in der Bundesrepublik erweiterten sich zugleich die Forschungsbereiche in Bochum, wiederum Zeichen einer Aufwertung der Beschäftigung mit Industriegeschichte und -kultur. Das vormalige Bergbau-Museum Bochum, das 1930 ja nicht an einem historischen Ort entstanden war, erhielt 1973 mit dem Doppelbockfördergerüst der stillgelegten Schachtanlage Germania in Dortmund als ein früher Akt der Industriedenkmalpflege zumindest sein historisches Wahrzeichen, Bild 4. Es verlieh dem Museum gerade den Hauch von Authentizität, die die neue Industriekultur für sich beanspruchte. Die Pflege technischer Denkmale rückte vorübergehend in den Mittelpunkt der Aktivitäten des Deutschen Bergbau-Museums Bochum.

Foto: Karlheinz Jardner, DBM
Deutsches Bergbau-Museum Bochum, 2014 Foto: Karlheinz Jardner, DBM

1979 kam es zur Gründung des heutigen „LWL-Industriemuseums. Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur“ mit verschiedenen dezentralen Standorten, darunter auch drei mit bergbaulichem Bezug im Ruhrgebiet. 1984 wurde dann in einer ehemaligen Zinkfabrik in Oberhausen das heutige LVR-Industriemuseum gegründet, ein weiteres Zeichen dafür, dass Industriegeschichte allgemein an authentischen Orten der Industriekultur erzählt und musealisiert werden sollte. Alles in allem fand die neue Generation der Museen einen gemeinsamen Nenner in der Abgrenzung zu den Technikmuseen älterer Prägung. Zugrunde lag die Auffassung, dass neben der vermeintlich reinen – gemeint war nicht selten unreflektierten – Präsentation technikhistorischer Prozesse auch soziologisch-historische Entwicklungen, städtebauliche Veränderungen, ökonomischer Wandel und ökologische Probleme veranschaulicht werden müssten. Im Vergleich zu den Technikmuseen älterer Prägung galt die Maxime: weg von der Huldigung technischer Objekte und hin zur technisch-industriell geprägten Kultur [15]. Insofern fanden nun auch grundlegende Veränderungen in der Dauerausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum mit der Konsequenz statt, dass eine eigene Halle zum Kokereiwesen in der ursprünglichen Form nicht mehr existierte [16].

Die Kokereien Hansa und Zollverein als Industriedenkmale
Seit den 1970er-Jahren waren im Ruhrgebiet eine Vielzahl von ehemaligen Montanstandorten zu Museen erklärt worden. Dazu gehörte eines jedoch vorerst nicht, nämlich eine Kokerei. Hierfür brauchte es, das lässt sich aus der heutigen Rückschau sagen, letztlich erst der Internationalen Bauausstellung IBA Emscher Park in den 1990er-Jahren, mit der die Industriekultur gleichsam auf eine nochmals höhere Ebene gehoben wurde und in deren größerem Zusammenhang auch die Gründung der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur nach dem Vorbild des National Trust in Großbritannien im Jahr 1995 zu sehen ist [17]. Die vom Land NRW und der RAG getragene Stiftung sollte und soll bis heute über alle Industriebranchen hinweg Grundstücke und Gebäude unter ihre Obhut nehmen und damit der Industrie die nicht unerheblichen Abbruchkosten ersparen. Nach einer Grundsanierung sollten und sollen die Objekte dann wieder vermarktet werden. Erst vor diesem Hintergrund wurde es nun erstmals möglich, auch über die Sicherung einer Kokerei als industriekulturellen Standort ernsthaft nachzudenken.

Hierbei handelte es sich zunächst um die Kokerei Hansa in Dortmund-Huckarde Bild 5. Es war Dr. Joachim Strunk, der auf der Fachtagung Kokereitechnik 1996 in einem Vortrag unter dem Titel „Die Kokerei Hansa. Ein Industriedenkmal?“ darüber berichtete. Man kann seinen damaligen Bericht als interessante Quelle lesen, denn er zeigt, welch große Zweifel zu jener Zeit noch in Bezug auf ein solches Vorhaben bestanden. So formulierte er in der Einleitung seines Vortrages vor den Fachkollegen der Industrie gleichsam schmunzelnd: „Die Vermutung, daß ich kurz vor der Frühpensionierung durch Anpassung stehe und eine Anschlußbeschäftigung suche, trifft nicht zu. Da ich neben meiner Tätigkeit auf der Kokerei Kaiserstuhl auch noch für den Stillstandsbereich Hansa zuständig bin, wurde ich zwangsläufig mit der Problematik ‚Denkmalschutz‘ konfrontiert; dadurch habe ich mich intensiver mit der im Thema genannten Fragestellung beschäftigen müssen.“ Weiter führte er aus: „Der Gedanke, eine Kokerei als Denkmal zu erhalten, ruft bei vielen Menschen Skepsis hervor. Ein schönes Märchenschloss wird natürlich von jedem als erhaltenswert erachtet. Auch eine Burgruine ist für die meisten Bürger noch akzeptabel. Aber Industriedenkmäler, eine Kokerei? Fachleute der Denkmalpflege vertreten die Ansicht, daß die Festlegung von ‚guten‘ und ‚schlechten‘ Denkmälern nicht in unserem Ermessen liegt. Wir haben die Pflicht, den nachfolgenden Generationen Zeugnisse unserer Kultur, und dazu gehört eben auch Arbeitswelt, Sozio-, Industrie- und Baukultur, zu überliefern.“ Und schließlich formulierte Joachim Strunk weitsichtig: „Nicht alles das, was ich Ihnen jetzt berichten werde, ist auch schon meine feste Überzeugung. Ich bin in einem Prozeß, der wohl nicht mehr umkehrbar ist, noch dabei, mir meine Meinung zu bilden. Um das gleiche möchte ich Sie jetzt bitten!“ [18].

Neben diversen Standorten des Steinkohlenbergbaus in Nordrhein-Westfalen nahm die Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur auch die Kokerei Hansa in ihre Obhut und richtete 1997 in deren historischem Verwaltungsgebäude ihre Geschäftsstelle ein. Schon zwei Jahre später, am 1. April 1999, konnte die Kokerei Hansa als Ankerpunkt auf der Route der Industriekultur eröffnet werden. Im Rahmen einer großen Festveranstaltung unter dem Titel „Vitale Areale – Forum Interart“ erkundeten Touristen erstmals das Denkmal auf einem theatral inszenierten Erlebnispfad. Der Zuspruch war gewaltig, denn 10.000 Besucher kamen an jenem Wochenende, um die einst „verbotene Stadt“ kennenzulernen [19].

Im Jahr 2001 beauftragte die Stadt Dortmund das Landschaftsarchitekturbüro Davids, Terfrüchte und Partner mit der Erarbeitung eines Masterplans zur Entwicklung der Kokerei Hansa. In Anlehnung an die Studie des Westfälischen Amtes für Denkmalpflege aus dem Jahr 1997 favorisierte dieser Masterplan eine touristische Profilierung des Standortes durch den Ausbau von Besucherpfaden. Das wesentliche Ziel war, die Kokerei als begehbare Großskulptur zu entwickeln. Die Gestaltung verschiedener Plätze sah eine inhaltliche Orientierung am Hauptthema „Natur und Technik“ vor. Darüber hinaus wurde die städtebauliche Komponente akzentuiert und die Öffnung der Industrieanlage nach Süden und zum westlich gelegenen Stadtteil Dortmund-Huckarde vorgeschlagen.

Der Masterplan aus dem Jahr 2001 ging ebenso wie Joachim Strunk schon 1996 von der Erhaltung des Baubestandes der Kokerei zur Zeit der Stilllegung 1992 aus. Die Denkmalbehörde hatte sich bei der Unterschutzstellung jedoch im Wesentlichen auf die Gebäude und Anlagen der 1920er-Jahre konzentriert. Das bedeutete, dass zahlreiche Bauten und Anlagen aus moderner Zeit dem Bergrecht entsprechend vom Alteigentümer RAG abgebrochen werden konnten, wie etwa der Gasometer, der KohlenturmII, die Kokssieberei II und nicht zuletzt auch die Kokstrockenkühlanlage. Diese Reduktion des Baubestandes der Kokerei Hansa machte 2006 eine Anpassung des Masterplans an die neuen Bedingungen erforderlich. Was heute also als Industriekultur des Kokereiwesens in Dortmund-Huckarde in die Zukunft weist, ist zusammengefasst das materielle Erbe vorrangig als Beleg der Rationalisierungsphase des Ruhrbergbaus der späten 1920er-Jahre sowie als begehbare Großskulptur [20].

In chronologischer Perspektive wird dieser Umstand in Bezug auf die kokereitechnische Entwicklung des 20. Jahrhunderts allein innerhalb des Ruhrgebiets schon dadurch erweitert, dass mit der Kokerei Zollverein in Essen ein weiteres Industriedenkmal existiert, das seine Entstehung bereits der Phase der Bundesrepublik verdankt und heute Teil des Weltkulturerbes Zollverein ist. Die Kokerei Zollverein wurde nach Entwürfen des renommierten Industriearchitekten Fritz Schupp, Bild 6, in den Jahren 1957 bis 1961 in räumlich funktionaler Nähe des Schachtes 12 der Zeche Zollverein erbaut. Erstmals nach der 1928 in Betrieb genommenen Kokerei Nordstern wurde hier eine komplette Kokerei mit 6 m hohen Ofenkammern betrieben, und Anfang der 1970er-Jahre wurde die Kokerei Zollverein zu einer der weltweit größten Anlagen ausgebaut [21].

Ganz aktuell findet hier nun seitens der Stiftung Zollverein die Entwicklung eines Denkmalpfades Kokerei Zollverein statt, der etappenweise in den kommenden Jahren umgesetzt werden soll [22]. Das sehr überzeugende Konzept sieht dabei die Installation von fünf sogenannten Kuben auf dem Areal der schwarzen Seite der Kokerei vor, die gleichsam „minimal invasiv“ in den historischen Baubestand integriert werden sollen, um die Auflagen des Denkmalschutzes nicht zu gefährden. Insgesamt soll der Denkmalpfad zwölf Stationen beinhalten, die den Besuchern sowohl die Funktionsweise der Kokerei als auch die inhaltlichen Vertiefungszonen näherbringen sollen. Die Stationen sind dabei willkürlich nummeriert und geben keinen zwingenden Parcours vor. Mit einem zukunftsweisenden Einsatz von Medien bis hin zu „virtual und augmented reality“ ist innerhalb der Kuben beispielsweise geplant, den Verkokungsprozess in einer Ofenkammer sichtbar zu machen oder einen auditiven Eindruck vom Löschen des Kokses zu bekommen. Schließlich sollen innerhalb der Kuben zum Teil auch Modelle und historische Objekte der Vermittlung dienen, sodass der zukünftige Denkmalpfad möglicherweise auch museale Züge tragen wird.

Zeitzeugen des Kokereiwesens
Besonderer Wert wird auf Zollverein wie überhaupt in der Vermittlung heute auf sogenannte Zeitzeugenquellen gelegt, da diesen in der Regel ein besonders hoher Grad an Authentizität zugeschrieben wird. Aus geschichtswissenschaftlicher Sicht handelt es sich dabei um die Methode der aus dem angloamerikanischen Sprachraum stammenden „Oral History“, deren disziplinärer Aufstieg im Allgemeinen mit der Entwicklung der Geschichtswerkstätten seit den 1970er-Jahren in Verbindung gebracht wird [23].

Offensichtlich kam es jedoch erst nach 2000 stärker dazu, auch im Ruhrgebiet größere Oral-History-Vorhaben zum Montanwesen zu betreiben. In der Regel wurden diese sämtlich im professionell-historischen Segment der Institutionen der Industriekultur durchgeführt. Dazu zählte zunächst das beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum in Verbindung mit dem Verein Deutscher Kokereifachleute e.V. ab 2004 umgesetzte Projekt „Zeitzeugen des deutschen Kokereiwesens“. Ganz bewusst ging es bei diesem nicht um eine Befragung der Kokereiarbeiter. Das gebildete Sample sollte vielmehr einen Querschnitt der Berufsgruppe auf mittlerer und höherer Managementebene repräsentieren [24].

Sowohl thematisch als auch medial erweitert, führt seit 2015 auch die Industriedenkmalstiftung ein sogenanntes Zeitzeugenprojekt durch. Die freiberufliche Historikerin Susanne Abeck und der ehemalige Kokerei-Schichtsteiger Klaus Peter Schneider interviewen sukzessive ehemalige Beschäftigte der Kokerei Hansa in Dortmund-Huckarde. Das Oral-­History-Projekt ist bewusst ergebnisoffen angelegt, um es zukünftig aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven betrachten und auswerten zu können [25].

Fazit und Ausblick: Ein Museum für den Koks als mineralischem Rohstoff?
Der Beitrag hat gezeigt, inwiefern Bergbaukrise und Strukturwandel im zuvor ganz wesentlich von der Montanindustrie geprägten Ruhrgebiet seit den 1960er-Jahren eine intensive Beschäftigung mit der Montangeschichte hervorgebracht haben, die auch die Historie des Kokereiwesens einschließt. Dies gilt für die akademische Sphäre ebenso wie für geschichtskulturelles Engagement in Verbindung mit neuen Impulsen der Industriearchäologie und der Industriekultur. Tatsächlich gibt es wohl international kaum eine andere Region, in der mit zwei ehemaligen Kokereien als industriekulturell vorbildlich genutzten Denkmalen eine breitenwirksame Auseinandersetzung mit dem Thema Kokereiwesen auch zukünftig ebenso ermöglicht wird wie im Ruhrgebiet.

Gleichwohl sei angemerkt, dass der historische Fokus auf diesen Denkmalstandorten natürlich auf der Geschichte der jeweiligen Anlagen liegt und liegen muss. Insofern kann hier eines nur in Grenzen geschehen, das sich das Deutsche Bergbau-Museum Bochum in Verbindung mit dem Verein Deutscher Kokereifachleute e.V. bei der Eröffnung einer speziellen neuen Halle zum Kokereiwesen 2012 zum Ziel gesetzt hatte – nämlich die Rolle des mineralischen Kokses aus internationaler Warte seit den Anfängen im 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart übergreifend zu veranschaulichen, Bild 7 [26].

Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum eine solche thematische Aufladung speziell des Kokereiwesens in der grundlegenden Reform zu einer vollständig neuen Dauerausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum nicht mehr möglich war. Vielleicht sollte man den Gedanken an eine dauerhafte und übergreifende museale Kokereiausstellung jedoch nicht aufgeben und dabei prüfen, ob das nicht eher auf einem der genannten Industriekulturstandorte realisiert werden könnte.

Dr. Michael Farrenkopf, Leitung Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok), Mitglied im Direktorium des Deutschen Bergbau-Museums, Bochum