Fachbeitrag Panorama
Ein massiver Kamin mit mannshoher Öffnung wurde der Kanalisation geopfert, März 2018 - Foto: Ulrike Stellmacher
10.09.2019

Das Pompeji an der Ruhr ist ein zweites Mal untergegangen. Für immer?!

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Stahl + Technik (Artikelvorschau)

Die Steinhauser Hütte in Witten

Das Pompeji an der Ruhr ist ein zweites Mal untergegangen. Für immer?!

Als im Frühjahr 2018 Bauarbeiter zufällig die Reste der Mitte des 19. Jahrhunderts errichteten Steinhauser Hütte entdeckten, eines Puddel- und Walzwerks aus der Frühzeit der Industrialisierung des Ruhrgebiets, das 1870 um eines der ersten deutschen Bessemer-Stahlwerke erweitert wurde, da sprach der langjährige Feuilletonist der FAZ, Andreas Rossmann, von einem Pompeji an der Ruhr [1]. Er machte sich für den Erhalt dieses einmaligen industriearchäologischen Fundes stark und initiierte damit eine Leserbrief-Welle, denn es war die Gefahr deutlich zu sehen, dass die Stadt Witten – ohne Rücksicht auf die historische Bedeutung des Fundes – ihren Plan umsetzte, aus dem Gelände ein Gewerbegebiet zu entwickeln.

Der vollständige Artikel ist erschienen in STAHL+TECHNIK 1 (2019) Nr. 9, S. 68 ff.

Die Stadt Witten hatte, obwohl sie unter Finanzaufsicht des Regierungspräsidenten stand und steht, das in unmittelbarer Nähe zum Wittener Bahnhof gelegene 4 ha große Grundstück von der Deutschen Bahn erworben, um es als Gewerbegebiet „Drei Könige“ auszuweisen und mit Gewinn weiter zu verkaufen. Schon 2014 war das Projekt diskutiert worden, es hatte sich jedoch kein Investor gefunden, der der Bahn das Grundstück abkaufte; oder witterte die Stadt die Chance zu einem lukrativen Geschäft ohne Rücksicht auf eine Vermehrung des innerstädtischen Verkehrs und eines Gebietsentwicklungsplans des RVR?

Das Immobiliengeschäfte – wie die Jahre zuvor beliebten Cross-border-Geschäfte oder spekulative Bankgeschäfte – mit unternehmerischen Risiken verbunden sein konnten, darüber scheint niemand die Bürgermeisterin und ihre Stadtverordneten aufgeklärt zu haben. Zwar hatten die über 100 Bodensondierungen keine Hinweise auf „Gebäude“ im Untergrund gegeben, aber wie sich dann bei der Ausgrabung herausstellte, dennoch einige Ziegelmauern etc. angebohrt. Wer jemals „Schiffe versenken“ gespielt hat, der weiß, wie er die nächste Bohrung setzen muss, um mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Treffer zu landen, oder halt nicht. Zu dieser Strategie gehörte auch, sich die im Stadtarchiv Witten aufbewahrten Gewerbeakten mit Grundrissen der Hütte aus Mitte des 19. Jahrhunderts nicht anzuschauen.

Als bei Bodenverdichtungsarbeiten eine tonnenschwere Walze einbrach und damit ein bis dahin intaktes mannshohes Gewölbe zutage kam, war die Stadt Witten als neue Grundstückseigentümerin verpflichtet, archäologische Maßnahmen zuzulassen. Zuständig ist das Landesamt für Archäologie in Münster, das sich bisher mit archäologischen Funden von der Frühzeit über die Römerzeit (Haltern etc.) bis hin zum Mittelalter (Kirchen, Klöster etc.) befasst hatte, aber keine ausgewiesenen Spezialisten für Industriearchäologie (ein Referent für Mittelalter und Neuzeit ist für Witten zuständig) beschäftigte. Zwar hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe eine Fachfrau für Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur, die sogar über Erfahrungen mit industriezeitlichen Hochöfen verfügt, aber diese war formal nur für Relikte über Bodenniveau zuständig und wurde deshalb zunächst nicht für eine historische Einordnung angefragt. Da das Landesamt für Archäologie selbst nicht über genügend Archäologen verfügt, beauftragte die Stadt Witten als Verursacher zwei externe Dienstleister, deren engagierte Mitarbeiter sich über die durchaus vorhandene Literatur zu Puddel- und Bessemerwerken in das auch für sie unbekannte Thema einarbeiteten.

Autor: Prof. Dr. Manfred Rasch, Bochum

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